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Jan 27 2013

Creeper Moves

Auch wenn die Über­schrift dar­auf hin­deu­tet, geht es in die­sem Arti­kel nicht direkt um den 29C3. Aller­dings habe ich dar­an kurz danach als Reak­ti­on auf die wäh­rend des 29C3 bereits ein­mal auf­ge­flamm­te Dis­kus­si­on zu schrei­ben ange­fan­gen, ursprüng­lich um die Ereig­nis­se auf dem Con­gress, die durch die Dis­kus­si­on vor allem den Leu­ten, die nicht dort waren, den Ein­druck ver­mit­teln konn­te, Frau­en wären dort nicht sicher gewe­sen, mit dem in Bezie­hung zu set­zen, was im öffent­li­chen Raum Tag für Tag pas­siert. Danach habe ich ihn halb­fer­tig lie­gen­ge­las­sen. Nach­dem nun aber bei Twit­ter unter dem Hash­tag #Auf­schrei seit Tagen die Dis­kus­si­on wie­der auf­ge­frischt ist, habe ich ihn doch fer­tig­ge­schrie­ben und wüss­te auch gern, ob ich denn rich­tig han­de­le.

Das ist mir näm­lich wich­tig. Ich mag nicht immer wis­sen, was als „kor­rek­tes Han­deln“ von mir erwar­tet wird, aber ich möch­te wenigs­tens dar­an arbei­ten. Ich bin so erzo­gen wor­den (von mei­ner Mut­ter), Frau­en nach Ein­bruch der Dun­kel­heit grund­sätz­lich nach Hau­se zu beglei­ten und sie im Blick zu behal­ten, bis sie die Tür hin­ter sich schlie­ßen. Vor viel­leicht fünf­zehn Jah­ren wur­de das meist dank­bar ange­nom­men, heu­te bin ich mir da nicht mehr sicher. Je nach dem Emp­fin­den der jewei­li­gen Frau bin ich viel­leicht schon ein Creep, wenn ich zu ihr sage, dass ich sie selbst­ver­ständ­lich gern nach Hau­se beglei­te. Bei man­chen weiß ich auch, dass es nicht erwünscht ist — für die­se Frau­en wäre ich wahr­schein­lich auch nur eine zusätz­li­che Belas­tung, jemand auf den sie zusätz­lich auf­pas­sen müs­sen.

Das ein­zi­ge Event, dass ich direkt mit­be­kom­men habe, wo ich trotz des frag­wür­di­gen Tex­tes die rote Cree­per Card für ange­mes­sen gehal­ten hät­te, ist nach dem Con­gress gesche­hen, als ich von der Sil­ves­ter­par­ty gegen 7:30 Uhr mor­gens in der U1 in Ham­burg auf dem Heim­weg war. Eine Frau stieg in den Wagon, zwei Sta­tio­nen vor dem Ende der Linie, und lief ganz durch bis zur Front, weit weg von mir und dem ein­zi­gen ande­ren männ­li­chen Fahr­gast. Die­ser hat­te mich bereits seit eini­gen Sta­tio­nen auf­grund mei­ner Klei­dung ange­grif­fen (ich war auf einer Got­hic-Par­ty und hat­te die ent­spre­chen­de Hose an), und auch eini­ge ande­re Din­ge gesagt, die als ver­steck­te Dro­hung ver­stan­den wer­den konn­ten und mich in höchs­te Alarm­be­reit­schaft ver­setz­ten. Er hat­te min­des­tens ordent­lich getrun­ken, mög­li­cher­wei­se auch gekokst, war damit unge­fähr im genau gegen­tei­li­gen Bewußt­s­eins­zu­stand zu mei­nem zu die­ser Zeit.

Nach­dem die Frau den Wagon bestie­gen hat­te, hat er sofort das Inter­es­se an mir ver­lo­ren, ist auf­ge­stan­den und ihr zur Front gefolgt. Dann fing er damit an, respekt­los mit ihr zu reden. Aller­dings schien sie mir geübt im Umgang mit sol­chen Situa­tio­nen (nach eige­ner Aus­sa­ge arbei­tet sie in einer Bar), und durch­aus in der Lage, sich selbst zu behaup­ten. Daher bin ich zunächst nicht von mei­nem Platz auf­ge­stan­den und habe mich nicht ein­ge­mischt, auch um die Situa­ti­on nicht wei­ter zu eska­lie­ren.

Statt­des­sen habe ich ver­sucht, Augen­kon­takt zu ihr her­zu­stel­len und ihr irgend­wie zu erken­nen zu geben, dass ich nicht betrun­ken bin, mit­be­kom­me, was gera­de pas­siert, und ver­füg­bar wäre, falls die Situa­ti­on außer Kon­trol­le gerät. Kei­ne Ahnung, ob das so recht geklappt hat. Jeden­falls habe ich mich ent­schlos­sen, auf jeden Fall mit aus­zu­stei­gen, falls sie an der nächs­ten Sta­ti­on aus­stei­gen und er ihr fol­gen wür­de. Zum Glück ist sie an der End­sta­ti­on aus­ge­stie­gen, da muss­te ich zumin­dest nicht mit die­sen bei­den in eine völ­lig unbe­kan­ne Gegend lau­fen.

Bevor der Zug anhielt, bin ich auf­ge­stan­den und auch nach vorn gegan­gen, um den glei­chen Aus­gang zu benut­zen. Der Kerl sag­te dann etwas in der Rich­tung, dass ich total okay wäre (wo er mir kurz vor­her noch das Gefühl ver­mit­telt hat­te, dass er mich aus­rau­ben wür­de, sobald ich den Zug ver­las­se), was sich wohl so anhö­ren soll­te, als wür­de er mich ken­nen und ich könn­te umge­kehrt auch für sei­nen Cha­rak­ter bür­gen. Ich habe zurück­ge­fragt, woher er das denn wis­sen wol­le, wo er mich doch gar nicht kennt — nicht dass die beläs­tig­te Frau jetzt auch noch glaubt, sie hät­te es mit zwei poten­ti­el­len Angrei­fern zu tun.

Ich bin dann neben den bei­den her­ge­gan­gen, obwohl mein Aus­gang auf der ande­ren Sei­te gewe­sen wäre, in siche­rer Ent­fer­nung von die­ser unan­ge­neh­men Situa­ti­on. Am Aus­gang zur Stra­ße ange­kom­men, frag­te sie mich dann, wo ich denn hin­müs­se, und nahm sich Zeit, mir mei­nen Weg zu erklä­ren. Den kann­te ich natür­lich, aber das habe ich nicht laut gesagt, weil ich das Gefühl hat­te, sie möch­te viel­leicht nur mei­ne Reak­ti­on prü­fen, um mich rich­tig ein­zu­schät­zen, und auch, um die Kon­ver­sa­ti­on mit dem Kerl zu unter­bre­chen, der mitt­ler­wei­le dabei ange­kom­men war, sich zu erkun­di­gen, war­um sie ihn denn nicht mit nach Hau­se neh­men wol­le.

Am Ende sind wir dann zu dritt bis zur nächs­ten Stra­ßen­ecke gegan­gen, wo sie sehr bestimmt gesagt hat, dass wir bei­de nun rechts rum müss­ten, wäh­rend sie hier nach links müs­se. Der Kerl hat sogar noch ein paar Schrit­te nach links gemacht, bis ihm auf­ge­fal­len ist, dass ich mich nicht weg­be­wegt habe und ihn war­tend ansah. Dann lief er mit mir nach rechts. Obwohl ich froh war, dass die Frau nun ein gutes Stück Abstand gewon­nen hat­te, hat mich das natür­lich auch wie­der in den Alarm­zu­stand gebracht, nun war ich ja mit ihm allei­ne — was ich eigent­lich ger­ne ver­mie­den hät­te. Nach ein paar hun­dert Metern Krib­beln im Nacken tauch­ten dann vor uns plötz­lich ande­re Leu­te auf. Anschei­nend hat­te er die sogar für die Poli­zei gehal­ten, er mur­mel­te was von „Bul­len“. Als ich dann sah, dass er an der Kreu­zung die Stra­ße über­que­ren woll­te, bin ich ihrem Bei­spiel gefolgt und habe gesagt, dass ich hier in die ande­re Rich­tung müs­se. Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te habe ich mich dann genü­gend beru­higt, um mei­nen Schlüs­sel­bund wie­der los­zu­las­sen, den ich die gan­ze Zeit in der Faust gehal­ten hat­te (kei­ne Ahnung, ob er mir was genützt hät­te).

Ich schä­me mich, dass die­se Frau so eine Situa­ti­on erle­ben muss­te, und für das, was zu ihr gesagt wur­de. Ich bin nicht glück­lich dar­über, dass ich nicht fähig oder tap­fer genug war, den Kerl davon abzu­hal­ten, in die­ser Wei­se mit ihr zu spre­chen. Ich kann nur hof­fen, dass ich dadurch, dass ich in der dunk­len Stra­ße in der Nähe geblie­ben bin, bis sie sich von uns bei­den ent­fer­nen konn­te, dazu bei­ge­tra­gen habe, dass sie sich siche­rer gefühlt hat als mit ihm allein. Schlimm wäre, wenn sie sich eher noch bedroh­ter gefühlt hat, weil sie es ja mit zwei Män­nern zu tun hat­te. Was außer mich direkt ein­zu­mi­schen und am Ende Prü­gel zu kas­sie­ren, hät­te ich viel­leicht noch tun kön­nen?

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