Creeper Moves

Auch wenn die Überschrift darauf hindeutet, geht es in diesem Artikel nicht direkt um den 29C3. Allerdings habe ich daran kurz danach als Reaktion auf die während des 29C3 bereits einmal aufgeflammte Diskussion zu schreiben angefangen, ursprünglich um die Ereignisse auf dem Congress, die durch die Diskussion vor allem den Leuten, die nicht dort waren, den Eindruck vermitteln konnte, Frauen wären dort nicht sicher gewesen, mit dem in Beziehung zu setzen, was im öffentlichen Raum Tag für Tag passiert. Danach habe ich ihn halbfertig liegengelassen. Nachdem nun aber bei Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei seit Tagen die Diskussion wieder aufgefrischt ist, habe ich ihn doch fertiggeschrieben und wüsste auch gern, ob ich denn richtig handele.

Das ist mir nämlich wichtig. Ich mag nicht immer wissen, was als „korrektes Handeln“ von mir erwartet wird, aber ich möchte wenigstens daran arbeiten. Ich bin so erzogen worden (von meiner Mutter), Frauen nach Einbruch der Dunkelheit grundsätzlich nach Hause zu begleiten und sie im Blick zu behalten, bis sie die Tür hinter sich schließen. Vor vielleicht fünfzehn Jahren wurde das meist dankbar angenommen, heute bin ich mir da nicht mehr sicher. Je nach dem Empfinden der jeweiligen Frau bin ich vielleicht schon ein Creep, wenn ich zu ihr sage, dass ich sie selbstverständlich gern nach Hause begleite. Bei manchen weiß ich auch, dass es nicht erwünscht ist – für diese Frauen wäre ich wahrscheinlich auch nur eine zusätzliche Belastung, jemand auf den sie zusätzlich aufpassen müssen.

Das einzige Event, dass ich direkt mitbekommen habe, wo ich trotz des fragwürdigen Textes die rote Creeper Card für angemessen gehalten hätte, ist nach dem Congress geschehen, als ich von der Silvesterparty gegen 7:30 Uhr morgens in der U1 in Hamburg auf dem Heimweg war. Eine Frau stieg in den Wagon, zwei Stationen vor dem Ende der Linie, und lief ganz durch bis zur Front, weit weg von mir und dem einzigen anderen männlichen Fahrgast. Dieser hatte mich bereits seit einigen Stationen aufgrund meiner Kleidung angegriffen (ich war auf einer Gothic‐Party und hatte die entsprechende Hose an), und auch einige andere Dinge gesagt, die als versteckte Drohung verstanden werden konnten und mich in höchste Alarmbereitschaft versetzten. Er hatte mindestens ordentlich getrunken, möglicherweise auch gekokst, war damit ungefähr im genau gegenteiligen Bewußtseinszustand zu meinem zu dieser Zeit.

Nachdem die Frau den Wagon bestiegen hatte, hat er sofort das Interesse an mir verloren, ist aufgestanden und ihr zur Front gefolgt. Dann fing er damit an, respektlos mit ihr zu reden. Allerdings schien sie mir geübt im Umgang mit solchen Situationen (nach eigener Aussage arbeitet sie in einer Bar), und durchaus in der Lage, sich selbst zu behaupten. Daher bin ich zunächst nicht von meinem Platz aufgestanden und habe mich nicht eingemischt, auch um die Situation nicht weiter zu eskalieren.

Stattdessen habe ich versucht, Augenkontakt zu ihr herzustellen und ihr irgendwie zu erkennen zu geben, dass ich nicht betrunken bin, mitbekomme, was gerade passiert, und verfügbar wäre, falls die Situation außer Kontrolle gerät. Keine Ahnung, ob das so recht geklappt hat. Jedenfalls habe ich mich entschlossen, auf jeden Fall mit auszusteigen, falls sie an der nächsten Station aussteigen und er ihr folgen würde. Zum Glück ist sie an der Endstation ausgestiegen, da musste ich zumindest nicht mit diesen beiden in eine völlig unbekanne Gegend laufen.

Bevor der Zug anhielt, bin ich aufgestanden und auch nach vorn gegangen, um den gleichen Ausgang zu benutzen. Der Kerl sagte dann etwas in der Richtung, dass ich total okay wäre (wo er mir kurz vorher noch das Gefühl vermittelt hatte, dass er mich ausrauben würde, sobald ich den Zug verlasse), was sich wohl so anhören sollte, als würde er mich kennen und ich könnte umgekehrt auch für seinen Charakter bürgen. Ich habe zurückgefragt, woher er das denn wissen wolle, wo er mich doch gar nicht kennt – nicht dass die belästigte Frau jetzt auch noch glaubt, sie hätte es mit zwei potentiellen Angreifern zu tun.

Ich bin dann neben den beiden hergegangen, obwohl mein Ausgang auf der anderen Seite gewesen wäre, in sicherer Entfernung von dieser unangenehmen Situation. Am Ausgang zur Straße angekommen, fragte sie mich dann, wo ich denn hinmüsse, und nahm sich Zeit, mir meinen Weg zu erklären. Den kannte ich natürlich, aber das habe ich nicht laut gesagt, weil ich das Gefühl hatte, sie möchte vielleicht nur meine Reaktion prüfen, um mich richtig einzuschätzen, und auch, um die Konversation mit dem Kerl zu unterbrechen, der mittlerweile dabei angekommen war, sich zu erkundigen, warum sie ihn denn nicht mit nach Hause nehmen wolle.

Am Ende sind wir dann zu dritt bis zur nächsten Straßenecke gegangen, wo sie sehr bestimmt gesagt hat, dass wir beide nun rechts rum müssten, während sie hier nach links müsse. Der Kerl hat sogar noch ein paar Schritte nach links gemacht, bis ihm aufgefallen ist, dass ich mich nicht wegbewegt habe und ihn wartend ansah. Dann lief er mit mir nach rechts. Obwohl ich froh war, dass die Frau nun ein gutes Stück Abstand gewonnen hatte, hat mich das natürlich auch wieder in den Alarmzustand gebracht, nun war ich ja mit ihm alleine – was ich eigentlich gerne vermieden hätte. Nach ein paar hundert Metern Kribbeln im Nacken tauchten dann vor uns plötzlich andere Leute auf. Anscheinend hatte er die sogar für die Polizei gehalten, er murmelte was von „Bullen“. Als ich dann sah, dass er an der Kreuzung die Straße überqueren wollte, bin ich ihrem Beispiel gefolgt und habe gesagt, dass ich hier in die andere Richtung müsse. Auf der anderen Straßenseite habe ich mich dann genügend beruhigt, um meinen Schlüsselbund wieder loszulassen, den ich die ganze Zeit in der Faust gehalten hatte (keine Ahnung, ob er mir was genützt hätte).

Ich schäme mich, dass diese Frau so eine Situation erleben musste, und für das, was zu ihr gesagt wurde. Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich nicht fähig oder tapfer genug war, den Kerl davon abzuhalten, in dieser Weise mit ihr zu sprechen. Ich kann nur hoffen, dass ich dadurch, dass ich in der dunklen Straße in der Nähe geblieben bin, bis sie sich von uns beiden entfernen konnte, dazu beigetragen habe, dass sie sich sicherer gefühlt hat als mit ihm allein. Schlimm wäre, wenn sie sich eher noch bedrohter gefühlt hat, weil sie es ja mit zwei Männern zu tun hatte. Was außer mich direkt einzumischen und am Ende Prügel zu kassieren, hätte ich vielleicht noch tun können?

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