Dez 05 2006

Radialisparese – die erworbene Fallhand

Nun hab ich mir so ein neu­mo­di­sches Zeugs auch mal instal­liert. Nach­dem ver­schie­de­ne CMS schon rich­tig aus­ge­reift sind und man dann ja eh eine Daten­bank lau­fen hat, wenn man sowas ein­setzt, war­um nicht auch ein Blog, um mei­ne seit eini­gen Mona­ten ver­schwun­de­ne pri­va­te Web­site wie­der ins Netz zu stel­len.

Fan­gen wir gleich mal mit Kla­gen zum Gesundheits­wesen an, das liegt ja im Trend. Wobei das nur schlim­mer wer­den kann, wenn kei­ner die­ses befrei­te Doku­ment zum Anlaß nimmt, ein wahn­wit­zi­ges Pres­ti­ge­ob­jekt recht­zei­tig zu stop­pen. Fefe hat sich die Zah­len zur „Gesundheits­karte“ genau­er ange­se­hen. Aber eigent­lich geht es heu­te um eine typi­sche Krank­heit von Gra­fi­kern, Web­de­si­gnern, Hackern, Alko­ho­li­kern und ande­ren schrä­gen Gestal­ten.

Ich gebe es zu, ich bin selbst schuld an mei­nem augen­blick­li­chen Zustand. Als selb­stän­di­ger IT−Dienstleister gewöhnt man sich leicht Arbeits­zei­ten an, die ande­ren Men­schen reich­lich bescheu­ert vor­kom­men müs­sen. So kommt es dann, daß man auch nachts noch vor einer Tas­ta­tur sitzt und am Mail­ser­ver schraubt. Manch­mal endet das dann mit einer Sab­ber­spur auf dem Schreib­tisch und den Abdrü­cken der Tas­ta­tur auf der Stirn, das kann man auch auf dem jähr­li­chen Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress immer wie­der beob­ach­ten. Mir pas­siert sowas zum Glück eher sel­ten, doch vor ziem­lich genau einem Monat bin ich in einer sol­chen Situa­ti­on auf­ge­wacht, hab fest­ge­stellt, daß ich völ­lig ver­krampft auf mei­nem lin­ken Arm lie­ge und daß der mitt­ler­wei­le ziem­lich weh­tut.

Daß die Hand „ein­ge­schla­fen“ war, das war ja noch nicht unge­wöhn­lich. Daß sie eis­kalt war schon eher, aber kein Grund zur Besorg­nis. Nur als zwei Tage spä­ter noch immer kein Gefühl auf dem Hand­rü­cken und sämt­li­chen Fin­gern zurück­ge­kehrt war, nur der Dau­men sich noch etwas bewe­gen ließ, da hab ich ange­fan­gen, mir Sor­gen zu machen.

Nach vier Tagen war ich dann beim Haus­arzt. Der freund­li­che Spott der Mit­ar­bei­ter des Unter­neh­mens, über des­sen Tas­ta­tur ich da ein­ge­pennt war, war eine Sache, die mit­lei­di­gen Bli­cke für den „armen Behin­der­ten“ bei völ­li­gem Feh­len der Bereit­schaft, mal zuzu­grei­fen, wenn ich beim Ein­kau­fen ent­spre­chend hilf­los war, war da schon ner­vi­ger. Der Geschwindig­keits­­verlust bei der Arbeit, der mich auch jetzt im Drei−Finger−System (der rech­ten Hand) tip­pen läßt, war natür­lich der unan­ge­nehms­te Teil.

Mein Haus­arzt hat mir gleich Mut gemacht: „Ach, das ist eine erwor­be­ne Fall­hand … wie war das gleich, er fiel vom Rad – Ner­vus radia­lis, genau! Das geht weg, in drei bis sechs Mona­ten ist alles wie vor­her. Inzwi­schen kann ich sie ja erst­mal krank­schrei­ben … wie jetzt, Sie sind selb­stän­dig, nicht in der Berufs­genossenschaft und haben kei­ne Kranken­­­tage­­­geld­versicherung? Also wirk­lich, Sie sind ja total leicht­sin­nig … das kön­nen Sie nur mit Ihrem Alter ent­schul­di­gen, ich war ja frü­her auch mal jung und naiv. Nee, sowas hät­ten Sie nun wirk­lich nicht ris­kie­ren dür­fen, neh­men Sie die­sen Rat an. Aber na gut, dann kön­nen wir uns das Krank­schrei­ben ja spa­ren, ich kann Sie ja eh nicht vom Arbei­ten abhal­ten.“

Er hat ja recht, nur ist das nicht hilf­reich. Hilf­reich dage­gen sein Ver­such, mir einen Ter­min beim Neu­ro­lo­gen zu ver­schaf­fen … dem gegen­über er das Wort „Fall­hand“ nicht benutzt hat, weil ich sonst wohl kei­nen Ter­min bekom­men hät­te, son­dern nur von „Sensibilitäts­­störungen an der lin­ken Hand“ gespro­chen hat. Ech­ter Ein­satz, der ange­bo­te­ne Ter­min war auch ledig­lich sechs­ein­halb Wochen spä­ter! Nach einem klei­ne­ren Auf­stand wur­de mir dann immer­hin ein Ter­min nach nur(!) vier Wochen gege­ben.

Dort dann ein Neu­ro­lo­ge, der mein­te, er hät­te mir ja gar kei­nen Ter­min gege­ben bloß wegen einer Radia­lis­pa­re­se, aber da es jetzt ja schon seit vier Wochen nahe­zu kei­ne Bes­se­rung gege­ben habe, sei es wohl gut, daß ich doch da wäre – ach nee, ich möch­te nicht wis­sen, wie­vie­le Men­schen wegen sowas dann mal zehn oder mehr Wochen war­ten müs­sen, bis sich doch mal ein Neu­ro­lo­ge erbarmt, sie zu unter­su­chen.

In sei­ner Hilf­lo­sig­keit hat er mir dann zehn Behand­lun­gen Kran­ken­gym­nas­tik auf­ge­schrie­ben und eine Computer­tomographie zur Abklä­rung, ob noch irgend­was auf den Ner­vus radia­lis drückt. Nach einer Stun­de Dis­kus­si­on und Hin− und Her­lau­fen waren sich Arzt und Reha­zen­trum schließ­lich auch einig, daß die Behand­lung nicht zur Dia­gno­se paßt. Mit dem drit­ten Rezept waren dann bei­de pas­send abge­än­dert und ich darf zehn­mal zwan­zig Minu­ten lang dar­auf hof­fen, daß die Maß­nah­men den Nerv auf­we­cken und eine Ver­stei­fung der Hand­wur­zel durch Bewe­gungs­man­gel ver­hin­dern.

Heu­te dann, eine Woche spä­ter, nach der ers­ten KG, wur­de ich ein biß­chen gegrillt, in der wei­ßen CT−Röhre, und hat­te es dort mit einer Arzt­hel­fe­rin zu tun, deren Kom­pe­tenz viel­leicht noch zum Kaf­fee­ko­chen reicht. Ich hab ja eigent­lich nichts gegen dum­me Men­schen. Solan­ge Sie die Klap­pe hal­ten und ich nicht von Ihnen abhän­gig bin. Aber die …

Auf mei­ne Fra­ge, ob ich denn metal­le­ne Gegen­stän­de able­gen sol­le, sag­te sie mir, das wäre unnö­tig. Auch auf ungläu­bi­ge Nach­fra­ge mei­ner­seits. Ein­mal in die Röh­re gescho­ben, nach der Anwei­sung „Aus­at­men … ein­at­men … nicht atmen … wei­ter­at­men!“ fuhr sie mich wie­der in die Ausgangs­­stellung zurück: „Ihr Metall­­reiß­­verschluß am Pull­over stört.“ „Ich hat­te doch extra gefragt, ob ich das Metall able­gen soll.“ „Ja, aber doch nur Metall im Unter­­suchungs­­gebiet!“

Hät­te sie das gleich so gesagt, hät­te ich mei­nen Pull­over natür­lich aus­ge­zo­gen. Aber nein, Sie wuß­te ja ohne genau hin­zu­se­hen sofort, daß kein Metall im Unter­­suchungs­­gebiet sein wür­de – Sie hat nicht­mal ver­stan­den, wie­so mich das geär­gert hat. Dabei wäre eine Übersichts­­aufnahme unter­blie­ben. Sicher ist das nur eine gerin­ge Strahlen­dosis im Ver­gleich zur Unter­su­chung selbst, aber alle ver­meid­ba­re Belas­tun­gen müs­sen laut Strahlen­­schutz­­verordnung unter­blei­ben.

Wei­ter ging es mit einer abso­lut unmög­li­chen Lage­rung auf der fahr­ba­ren Lie­ge. Ich muß­te mich mit dem Ober­kör­per auf die rech­te Kan­te legen, mein Nacken hat sich ver­krampt, und mein lin­ker Arm lag eng am Kör­per an, wäh­rend die Auf­nah­men gemacht wur­den. Mit dem Ergeb­nis, daß auf einem Drit­tel oder mehr der Schicht­­ausdrucke außer dem Arm auch Rip­pen und Lungen­gewebe im Unter­­suchungs­­bereich waren. Nun fra­ge ich mich, ob es so viel Auf­wand ist, den Pati­en­ten z.B. mit­tels eines Kis­sens so zu lagern, daß der Arm Abstand vom Kör­per hat und die Belas­tung eines emp­find­li­chen Organs wie der Lun­ge durch unnö­ti­ge Röntgen­aufnahmen ver­mie­den wer­den kann.

Im Übri­gen wur­de mir auch kei­ner­lei Schutz für den Genital­bereich ange­bo­ten, ich kann nur hof­fen, daß ich kei­ne Streu­strahlung abbe­kom­men habe – gut für mein Erb­ma­te­ri­al wäre das sicher nicht. Gro­ßes Ver­trau­en in die Sicher­heit die­ses Vor­gangs habe ich da ange­sichts der völ­lig unnö­ti­gen Lungen­bestrahlung jeden­falls nicht mehr. Neue Erkennt­nis­se hat die Akti­on auch nicht gebracht.

Die kassen­ärztliche Ver­ei­ni­gung hab ich heu­te mal um Stellung­nahme gebe­ten, inwie­weit man sowas als Pati­ent ein­fach als nor­mal hinzu­nehmen hat, bzw. inwie­weit hier ein ein­zel­ner Arzt nicht die nöti­ge Sorg­falt wal­ten läßt, was den Umgang mit Rönt­gen− und Nuklear­medizin und die Schu­lung des Per­so­nals angeht. Mal sehen, ob ich der ein­zi­ge blei­be, dem die­ser Arzt­be­such um halb acht die Lau­ne ver­miest hat, oder ob ich mei­nen Ärger noch weiter­reichen kann …

Die Kranken­gymnastin ges­tern war dage­gen übri­gens ein ech­ter Licht­blick, ich freue mich schon auf mei­nen Ter­min mor­gen und ste­he dafür auch ger­ne früh auf. Weil mir das wenigs­tens die Hoff­nung gibt, viel­leicht zu hel­fen.

Jetzt muß ich den ers­ten Ein­trag been­den, mei­ne schlaff herab­hängende lin­ke Hand tut weh vom Ein­satz des Zeige­fingers, der gele­gent­lich aus mitt­le­rer Höhe auf eine Tas­te der lin­ken Keyboard­hälfte fällt, und die rech­te ist durch die Bedie­nung von ⁴∕₅ der Tas­ta­tur eben­falls total geschafft. Zeit für eine Schreib­pause und Stö­bern in den ande­ren Blogs, wo ich sowas doch jetzt auch aus­pro­bie­re. Einen Titel hier­für kann ich mir in der Zwischen­zeit ja auch mal über­le­gen.

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